Reviews zu „Freak Preview“

„Die LOST LYRICS stehen seit jeher für melodischen Punkrock, was aber textlich niemals mit Beliebigkeit und Belanglosigkeit gleichgesetzt werden darf.  Das gilt mehr denn je für dieses neue, ich glaube das inzwischen 10. Album der Band. Texte wie „1000 Fäuste“ und „Nie weg, nie mehr“ befassen sich mit dem aktuellen Zeitgeschehen in Deutschland. Es sind Texte gegen den wiedererstarkten Rechtsradikalismus. Und man merkt der Band an, dass man nicht nur simple Texte gegen rechts macht, weil man das als Punkrockband eben so macht. Man spürt, dass es in den Bandmitgliedern brodelt, dass es ihnen ein tiefes Bedürfnis ist sich zu diesem Thema unmissverständlich zu äußern. Weil man so angepisst ist. Weil man all das nicht verstehen kann. Generell drehen sich die Texte weniger um die Befindlichkeiten der eigenen kleinen Welt. Es geht mehr um das große Ganze, um gesellschaftliche Zusammenhänge. „Amadou“ behandelt empathisch, fast schon poetisch, das Thema Migration. Wirklich berührend. Eine zynische kleine Hymne ist „Freut uns wirklich zu sehen“, ein Lied an das Volk, die Wähler, die blinde Masse, die Konsumenten… „Alle Macht liegt bei euch, doch was zu sagen habt ihr nie“. Mal wird man beschissen, mal verhält man sich beschissen. Da steckt viel Wahrheit drin. „Punkrock Generation Gap“ thematisiert alte Punkrocker, die sich mit neuen Generationen konfrontiert sehen. Und umgekehrt. Da prallen unterschiedliche Musikstile, Weltanschauungen und verschiedene Auffassungen von Punk aufeinander. Und jede Altersklasse kann mit der anderen nicht immer viel anfangen. Wer kann sich davon schon freisprechen. Ich persönlich gehe zu den NEWTOWN NEUROTICS, die kennt kein junger Punk mehr. Die sind alle bei SONDASCHULE. Das ist mir schleierhaft und unbegreiflich. Beides. Ein altes Riff wird mit neuer Liebe gespielt, heißt es hier sehr schön. „Rest von deiner Wut“ ist eine Hommage an den Punkrock. Man lernte ihn irgendwann kennen, lieben, packt seitdem „die Welt in 3 Akkorde“ und spart sich „den vierten für ein kleines bisschen Wut“. Die Plattensammlung erklärt einem die Welt. Und so ist es ja auch wirklich ein stückweit. Zumindest bei mir. „Der große Wurf“ lehnt sich im Chor an „Stepping stone“ an. Bei den LOST LYRICS heißt es „Trashmob“ statt Flashmob. „Heut oder niemals“, rufen sie uns entgegen und verlangen eine neue Aufbruchstimmung, die das Miefige, Piefige, Rechte wegspült. Auch Zweierminderheit“ geht in dieselbe Richtung. Und dass mein Rechtschreibkorrekturprogramm vom Word das Wort „Aufbruchstimmung“ nicht kennt, zeigt eindeutig, wie wichtig selbige ist. Der Punkrock der LOST LYRICS ist energetisch. Er zerrt einen mit sich. Auf die Seite der Guten. Und er schreit dem Rest der Gesellschaft entgegen „Macht die Augen auf. Das kann ja wohl nicht wahr sein !“

Letztendlich waren die LOST LYRICS immer ein Kleinod für eine Minderheit. Weil sie nicht drauflos polterten. Weil sie keine roten Iros hatten. Weil sie nicht hart genug waren für Hardcore. Und auch nicht für Deutschpunk. Und weil Holger, ähnlich wie der mächtige Zwakkelmann, eine Stimme hat, die manche mögen und viele eben auch nicht. Die LOST LYRICS wirken auf dieser neuen Platte frisch beseelt. Sie gehen textlich und musikalisch nach vorne. Kritisieren vieles zu Recht, versprühen aber auch Optimismus. Diese Platte ist voller Leben. Und sie kommt mitten aus dem Leben. Sie soll Mut machen und aufrütteln. Vielleicht auch den eigenen Zweifeln und der gelegentlichen Ohnmacht etwas entgegensetzen. Die Texte sind durchdacht, bissig, direkt und kommen ohne jegliche Phrasen und Plattitüden aus. Ich hoffe, die Platte erscheint als LP. Dann werde ich sie mir kaufen.“

Michael Will, selbst

OX, Juni 2020

„Aufmerksam wurde ich auf die Lost Lyrics im Jahre des Herren 1999. Die Ärzte hatten gerade eine weitere Live-CD hinter sich. Man wartete auf eine neue WIZO-Scheibe, die Toten Hosen hatten „Unsterblich“ mit dem Bayern- Song am Start und auch The Bates waren noch aktiv. „Seniorenresidenz“ hieß damals die Platte, die ich von Lost Lyrics in die Hände bekam und die mich dazu brachte, nach und nach die Sammlung zu vervollständigen. Lost Lyrics ist seitdem eine Band, die ich immer wieder gerne auflege.

„LOST LYRICS sind die Könige vonne Welt“ stand in einem Review von vor genau 25 Jahren und genau dies würde ich hier leicht verändert wiedergeben wollen, denn die neue CD, die auf den Namen „Freak Preview“ (sicher mit Bier und Bier getauft wurde) hört, beinhaltet alles, was guten deutschsprachigen Punkrock ausmacht. Vierzehn Songs, knapp unter 40 Minuten pogotaugliche Unterhaltung und Texte, die nicht mal einfach so aus dem Punkrocksongtext-Apparat (ja das war ne andere Band) hervorkommen, sondern die etwas zu sagen haben. Mit „Einmal um die Erde“ bringen die drei Cheflyriker einen flotten Einstieg, der dann mit der Neuaufnahme von „Euch zu sehen“ noch getoppt wird. Ein äußerst flotter Beginn einer spannenden CD, die und dann kurz darauf mit „Tausend Fäuste“ einen Song präsentiert, der leider immer noch relevant ist und der gut zu der #wirsindmehr – Bewegung passt. Gute Melodie und toller Text. Ein echter Lost Lyrics-Kracher. Als solchen würde ich auch „Ich bleib dabei“ beschreiben wollen. „Ich bleib dabei“ würde ich auch sagen, wenn ich Songs wie „Amadou“ höre. Ein echt bedrückender Song über Flüchtlinge und ein Text der so nicht besser geschrieben werden kann. Auch ganz großes Kino zu einem ganz traurigen Thema. Fast schon Oscarreif! Einer meiner Lieblingsstücke und ein echter Anspieltipp ist „Punkrock Generation Gap“. Sicher gibt es verschiedene Punkrockgenerationen aber zu diesem Lied werden wahrscheinlich mehr als eine Generation abfeiern können. Gefällt.

Doch wie so oft kommt das Happy End dann zum Ende hin. Und auch hier liefern uns die Lost Lyrics mit „Rest von meiner Wut“ einen Song, der mich sicher ganz, ganz lange begleiten wird. Mega! Meine Bitte an euch Leser hier: Anhören und zustimmen. Mit „Solang der Wind“ beenden die Lost Lyrics dann ihr Album mehr als anständig und ich habe ja versprochen, dass ich das Zitat von eben denn gerne aufgreifen würde. Könige gibt es im Punkrock nicht, aber sowohl diese Band als auch dieses Album verdient eine Krone, denn Lost Lyrics sind eine der Bands, die ich immer wieder hören werde, solange „der Wind mich weiter vor mich hertreibt“. Was schon seit 25 Jahren feststeht werde ich hier sicher nicht anzweifeln.

Danke dafür. Auf die nächsten Punkrock Generationen! Bleibt nur noch nach dem „Rest von meiner Wut“ der „Rest von meinem Review“. Hier ist die Wertung! 4.8 von 5 Sternen.

TOUGH MAGAZINE, Juni 2020

The

 

Ansa

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