Lost Lyrics in den 1990ern

The roaring nineties…

1990

Das Jahr 1990 war musikalisch leider recht ereignislos, jedenfalls für uns. Der klassische Punkrock war schon lange tot, einige Verzweigungen des Stammbaumes schienen ihrerseits ebenfalls am Ende angekommen zu sein, Grunge sollte erst noch kommen, und die ständigen Revivals von diesem oder jenem kommen und gehen ja ohnehin ständig, ohne die Originale zu erreichen – so war es auch in diesem Jahr. Nachdem Basti und ich schon in zwei Bands zusammen Musik gemacht hatten, kam es nun zum dritten Projekt, das wie es sich gehört auf einer Party ins Leben gerufen wurde. Unser gemeinsamer Ex-Klassenkamerad Karsten bot sich und auch gleich einen Übungsraum im Haus der Familie an, in Wolfhagen-Nothfelden, wo wir 1999/2000 auch wieder probten, allerdings woanders. Das war jedoch nie als Bandraum gedacht – es handelte sich dabei um den Partykeller des Hauses, was bereits Bände über unsere Einstellung zur Musik spricht. Dort rockten und tranken wir, und nach und nach entstanden die ersten eigenen Lieder, nachdem die Nachspielerei von anderen Songs schnell an die Grenze unserer Fähigkeiten gelangt war. Mit dem R`n`R hat sich`s, wenn man erst spielen lernt… Die ersten 10 Songs nahmen wir dann um die Jahreswende 1990/91 auf, im Wolfhager Jugendzentrum, mit Martin Wagnitz und seinem Fostex-Vierspurrekorder. Der Gesang wurde bei ihm zu Hause in der Sauna aufgenommen wurde. Da hatten wir aber noch gar keinen Namen – der Arbeitsname der Gruppe war „Tin Soldiers“ (Genau, nach dem Stiff Little Fingers – Song), aber das war es irgendwie noch nicht. Und wenn man ständig die Texte vergisst, muß es da ja noch was besseres geben.

1991

Anfang 1991 verschickten wir dann die Aufnahmen als „L.L. Tape“, denn wir wollten auch mal woanders spielen als nur im Jugendzentrum Wolfhagen. Da hatten wir beim ersten Mal die 10 Lieder zweimal runtergespielt, nun kamen aber immer mehr hinzu. Wir verschickten das Tape auch an ein paar kleinere Label, denn was hatten wir schon zu verlieren, und selber Platten zu produzieren und zu vertreiben, das hatten wir mit der Vorgängerband schon hinter uns und nicht den Wunsch, das noch jemals wieder selber zu machen – Musik machen macht mehr Spaß. Es zeigten drei Label Interesse, und mit Nasty Vinyl aus Hannover machten wir dann im Sommer die erste 7″ EP („Days of Joy„). Diesmal wurde in Hannover aufgenommen. Die Musik im Proberaum der Abstürzenden Brieftauben und der Gesang im Schlafzimmer von Ralle Rögner, welches er dann Disaster Studio nannte (Ralle ist Kettenraucher, Gemütsmensch, supernett und begann, uns mit Helge Schneider zu infizieren). Eine ganze Spur nur für ein „Hey“, und Karsten musste zum ersten Mal schwitzen. Die EP kam sehr gut an, und auch das mit den Konzerten klappte: Innerhalb kurzer Zeit konnten wir überregional auftreten. Mittlerweile war Stefan als zweite oder erste Gitarre dazugekommen, und wir fuhren nach Nürnberg, Potsdam, Peine, Hannover, Bielefeld, Bremen, Verden, Freiberg und in andere Städte, um u.a. mit The Abs, Nine Pound Hammer und anderen Bands zu spielen und Liveerfahrungen zu sammeln. Das waren unsere ersten Gehversuche, denn es wird sehr schnell langweilig, immer nur in der eigenen Gegend zu spielen, und außerdem lernten wir schon recht schnell viele nette und interessante Leute kennen, was die ganze Sache noch interessanter machte. Da hatten wir übrigens noch dieses angesprühte Schlagzeug von „Roy“, mit gekreuzten Häkelnadeln. 

1992

Für 1992 war dann die erste CD geplant, und auch die erste Tour. Beides klappte, und irgendwie ging alles ziemlich rasant. Die Scheibe nahmen wir in Martins neuem Studio (der ehemaligen Sauna, genau) in Wolfhagen-Bründersen auf, mit Hilfe von Ralle, und auch die Nasty Vinyl-Crew war zeitweise da. Karsten ging und Axel „Atze“ Figge kam und spielte auch gleich bei der „Some Things never change„-Tour mit. Die CD reitzen wir spieldauermäßig voll aus, aber wir hatten auch jede Menge Lieder in der Zwischenzeit gemacht. In dem Frühjahr sahen wir die Badtown Boys vor vielleicht 20 Zuschauern im Kasseler Spot, aber es war in der Region eine Aufbruchstimmung, und viele regionale Bands begannen, Platten aufzunehmen und in der Republik herumzutouren (Dogfood Five, Swoons, Bates waren ein paar davon). Das machten wir dann also im Herbst 92 auch zum ersten Mal 2 Wochen am Stück. Ein merkwürdiger Mensch aus Rendsburg (Zippy) hatte sich im Sommer gemeldet und angerufen: „Habt ihr schon eine Bookingagentur?“ – „Nein“ – „Gut, jetzt habt ihr eine, wenn ihr wollt“… So wars; er hatte ein Tape von den Abs bekommen, als die im Norden waren, und so läuft es in diesem Geschäft (…). Leute kennen ist alles, die Lesson One hatten wir also begriffen. Die Tour war ein absolutes Ereignis, mit allem was so dazugehört: Vor Offenburg (da waren wir am Abend des Lafontaine-Attentates…) fuhren wir den Bus trocken, in Offenburg schliefen wir auf Billiardtischen, in Wuppertal spielten wir vor dem Herrenklo, in Herrenberg kamen wir einen ganzen Tag zu früh an, aus Versehen (…) und spielten dann vor 3 Zuschauern, in Zürich kam ein entlaufener Irrer in Frack in unser Zimmer und schlief ein, in Rendsburg spielten wir in einer Teestube mit Teppich, in Gießen machten wir für den Boxhamsterssänger den Abwasch. Das ganze Programm war Rock`n`Roll in Reinform, die Nächte waren kurz und danach brauchten wir eigentlich erstmal Urlaub. Aber alle hatten sich großartig amüsiert.

Ich schrieb ein Tourtagebuch für das „Toys Move“-Fanzine, welches Frühjahr 1993 erschien. Hier ist es (danach geht es mit der Jahres-Chronologie weiter):

Tourtagebuch 1992 von Holger:

(Zum vergrößern auf den Text klicken)

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LL Plakat 1992
Unser Plakat 1992, auch für die Tour.
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Basti nächtigt in Offenburg. Alles wie immer…
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Kessel, Offenburg – mit dem „legendären“ Schlagzeug
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Der Bus ließ uns dankenswerterweise nie im Stich.
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Einmal durften wir 1992 sogar in Hamburg ins Vorprogramm der damals durch die Bravo sehr bekannten Abstürzenden Brieftauben in der Markthalle. Wir hatten vorher ganz schön Schiss. Die Musiker waren sehr nett, aber die Praxis, den Vorbands absichtlich einen deutlich schlechteren Sound als dem Hauptact zu machen, kannten wir bis dato noch nicht, und wir finden sie bis heute auch nicht sehr souverän.

1993

1993 ging es zunächst in diesem Stil weiter; mindestens 25 Gigs pro Jahr sollten es sein, und bis incl. 1995 wurde der Schnitt auch gehalten. Im Juni machten wir, neben ständigen Einzelgigs, eine weitere Tour, wo wir in Nabburg Fratz kennenlernten, mit seiner Band zusammen spielten und uns anfreundeten. Das war das meines Wissens letzte Konzert mit Fred Müller als Veranstalter, denn er war über die mangelnde kulturelle Offenheit der bayrischen Bevölkerung dieser Gegend (eine Turnhalle mit ca. 30 Gästen) etwas unzufrieden und schlug daraufhin selbst die sanitären Einrichtungen der Halle selbst in Klump. Weiterhin bekamen wir auf dieser Tour zum ersten und bis heute letzten Mal mit, wie es ist, wenn Nazis aufkreuzen, den Laden vereinnahmen und der Band (also uns) „nahelegen“, besser schleunigst zu verduften. Wir nahmen das Angebot in Rekordzeit an und haben seitdem keinen Fuß mehr nach Freital bei Dresden gesetzt. In Stuttgart schliefen wir bei Frank Zabbe, der uns das danach nur noch im Scherz anbot. Der Abstecher nach Dänemark, wo wir mit Blood on the Saddle auftraten war ebenfalls ein kleines Highlight, denn das war der letzte Auslandsgig seitdem. Dazwischen lagen im Juli noch die Aufnahmen zur „Monday Morning`s allright for Party“ CD, die bei Schotte im Very Metal-Studio aufgenommen wurde. Das war erstmals professionelle Aufnahmetechnik für uns. Auch Martin war mit an Bord, die Nasty Vinyls und auch Ralle. Zum ersten Mal waren alle mit dem Sound richtig zufrieden, und wir müssen noch heute Horst und Krapfi von N.V. großen Dank zollen, daß sie bereit waren, so ein finanzielles Wagnis einzugehen, denn es wurde aus diversen Gründen ein ziemlich teurer Spaß (Mastering in Northeim usw.), von dem ich bezweifele, dass es sich gerechnet hat.

1994

Für 1994 hatten wir eine 7″EP für Fratz und Hulk Räckorz abgemacht. Das Experiment mit „Trauerspiele“ auf der CD hatte so gut hingehauen, daß mehr deutschsprachige Stücke gemacht wurden, und auch auf der EP kam eins davon drauf („Glatteis“). Es hat bei LOST LYRICS noch nie einen schriftlichen Plattenvertrag über irgendwas gegeben. Auch das ist ein großer Vorteil, independent im eigentlichen Sinne zu sein. Zu dieser Zeit wurde die melodische Variante von Punkrock hitparaden- und salonfähig, neben Grunge, der nach wie vor lief, nur ohne Cobain etwas kopflos war. Green Day, Offspring begannen so langsam, reicher zu werden, und viele Plattenfirmen und Verlage schauten sich nach vielversprechenden Punkbands um, um sich diese für den Fall ihres Erfolges abzugreifen und schon mal die Rechte zu sichern. Wir waren aber nicht dabei, aus heutiger Sicht vielleicht ganz gut so. Die EP hatte 4 Songs, und diesmal war (im Frühjahr) Martin wieder an der Reihe. Die Gigs des Jahres 1994 waren wieder sehr zahlreich und fanden einen Höhepunkt in einer kurzen Tour mit den zu der Zeit recht bekannten Bates, die wir hier aus der Gegend kannten und mit denen wir vor für unsere Verhältnisse vielen Leuten spielen konnten. Martin „wechselte“ dann aus verständlichen Gründen und fuhr fortan mit den Eschwegern mit. Sehr lustig war ein Auftritt im mittelhessischen Niederweidbach, im „El Dorado“, einer Bikerkneipe mitten in der Pampa. Dort waren am Ende leider alle so betrunken, schon beim Spielen, daß sich einige der Bandmitglieder mit oder ohne Absicht einigen wichtigen Klamotten entledigten um der „Show“ noch mehr visuelle Reize zu geben. Später brach Axel noch in den Laden ein, da die Getränke ausgegangen waren und löste damit aber die Alarmanlage aus. Oder suchte er die Hose? Weitere harte Nummern des Jahres waren ein Besuch in der Wohnung des Jörg S. aus PB von der Band Vulture Culture, wo er anfing, seine eigene Wohnung zu zerlegen und wir natürlich nett und hilfsbereit waren; sowie ein Gig im „Irrlicht“ in Lörrach, wo irgendwer Feuer zu sehen glaubte und ein paar von uns löschten und dummerweise den Feuerlöscher leerten. Wie die Bude aussah, könnt ihr euch vorstellen. Ach ja, verfahren haben wir uns 1994 dann auch noch, gemerkt haben wir es aber erst am Bodensee…

1995

Im Jahr 1995 gab es die größte Zäsur in der Gruppe. Stefan und Axel gingen, und Torsten kam als neuer Bassist, und wir waren wieder ein Trio. Wir wechselten zu Hulk und nahmen im November die neue CD „Rotzlöffel“ auf, wieder in Hannover. Von nun an wurde nur noch deutsch gesungen, was viele Leute verwirrt hat. Wir hatten in allen Belangen einen Bruch gemacht, wobei wir dadurch natürlich viele neue Leute mit unserer Musik ansprechen konnten, was eine große Chance ist. Durch die für das deutsche Publikum nun erst verständlichen Texte wurde die Band für viele Menschen erst interessant, während andere „nur englische“ Musik gut fanden und lieber sowas hören wollten. Aber es machte keinen Sinn, sich mit Wörterbüchern abzumühen, um Texte zu schreiben, die dann in der Sprache ohnehin kaum jemanden interessierten (es waren so gut wie nie Rückmeldungen zu den Texten gekommen). Es geht auch auf deutsch, und wir finden und fanden es auch wirklich besser. Und fast alle unserer Zuhörer kommen nun einmal aus Deutschland, das ist nun einmal so. Es gab also auch einen Bruch in der Zuhörerschaft, und die unplakativen Texte wurden mehr gewürdigt. Live ging es natürlich auch wieder im alten Stil weiter, und eine immer wieder gern gehörte Anekdote ist das Open Air in Zittau, wo Basti mitsamt Hocker beim Spielen von der Bühne fiel ohne sich was zu tun (und niedrig war das nicht). Nach wie vor trafen wir viele alte und neue Bekannte, und irgendwie hatte das Ganze einen neuen Schwung bekommen. Von dem Hitparadenpunk, der gerade boomte, schlug aber natürlich nicht allzu viel „nach unten“ durch.

1996

Die Tour zur neuen Platte kam dann im Sommer 1996, aber auch abgesehen davon waren wir livemäßig sehr aktiv, und in Herford lernten wir z.B. die netten Leute von Bash kennen. Neben Orten, wo wir scheinbar ein Live-Abo hatten und regelmäßig auftraten (Donauwörth, Bad Wörishofen, Darmstadt, usw.), kamen nun auch ein paar neue Orte hinzu, so dass wir die Landkarte der Republik mittlerweile ziemlich gleichmäßig und flächendeckend abgegrast haben. Die Terrorgruppe entpuppte sich ebenfalls als eine Ansammlung verrückter und sehr netter Typen, mit denen die Chemie und die Einstellung stimmte, und wie tourten gemeinsam durch ein paar Städte. Herausragend war auch noch ein Wochenende in Hamburg, wo insgesamt ca. 8 Bands in einem kleinen Studio regelrecht einfielen (inclusive uns), die Umgegend verwüsteten, sich extrem „erlebnisorientiert“ benahmen und neben Anrufen nachts um 3 bei Peter Nogli vom HSV (um nach einem Tor aus den 1970ern zu fragen) noch die Songs für den Stay Wild – Sampler aufs Band brachten. Der Mixer war zum Glück ein Prollhead und das ausgleichende Element in dem ganzen Spaß, ein Wunder daß da noch Musik gemacht wurde. Wurde aber. Sogar ein Allstar-Ensemble mit dem Sänger der Sloppy Seconds (USA), mit dem wir zusammen den „Unknown Stuntman“ von Lee Majors aufnahmen. Da durfte ich die Gitarre spielen (und vorher die Akkorde raussuchen, Danke Abel) – natürlich ein Jahreshighlight. In Kassel ging es studiomäßig aber auch weiter. Martin hatte mittlerweile das „Basement Room Nr. 1“ im Bates-Komplex zum High-Tech Studio ausgebaut, und dort nahmen wir im Dezember 96 die neue CD „Man spricht deutsch“ auf. Zum allerersten Mal waren wir mit dem Sound wirklich rundherum zufrieden, auch in mehrjähriger Rückschau noch, was sonst bei Musikern sehr untypisch ist. Leider ist das Cover das grausamste unserer Geschichte, sorry Leute, kommt nicht mehr vor, versprochen. Matze spielte als neuer Bassist bei der Scheibe schon mit.

1997

Und er musste gleich durch die seit 1992 längste Tour von uns durch. Holger aus Düsseldorf, vom Texas Rose Plattenladen, hatte sich unserer angenommen und die Tour im März/April 1997 organisiert. Das klappte auch ganz gut, und wir lernten u.a. Wishmopper und die Experten kennen (und die Turbo Lemons) und spielten zum ersten Mal mit den Dukes of the Mist aus unserer Gegend. Man sieht daran, daß wir mit LOST LYRICS immer schon mit Vertretern der unterschiedlichsten Musikrichtungen zusammen gespielt und gefeiert haben. Es kommt auf die Musiker an, nicht auf die Musik. Die interessantesten Abende waren die, wo wir mit Bands gespielt haben, die gar nicht so klangen wie wir. Das sind immer interessante Erfahrungen, und das wird bei uns auch so bleiben. Die Popkomm in Köln war zwar auch interessant, aber einmal reicht dann wirklich. Besser war da schon das Plastic Bomb-Festival in Oberhausen, sowie die erste Radiosendung, die wir selbst gestalten durften (mit Elvis, den Who, bloß wenig von dem was man wohl erwartet hatte). In Bad Nauheim ging es Matze dann nach dem Konzert erstmal alkoholbedingt nicht so gut. Ein guter Jahresabschluß war auf alle Fälle das X-Mas Festival in Warburg-Welda im Kulturbahnhof, das mit wechselnden Gruppen dort jedes Jahr stattfand. 1997 kam neben „Man spricht deutsch“ auch bei Nasty Vinyl eine Split CD mit NOE heraus, wo die Jungs aus Delitzsch ihre Lieblingssongs von Udo Lindenberg aufgenommen hatten und wir eine Zusammenstellung der meisten unserer Coverversionen drauftaten. Der Titel unserer „Seite“ war deswegen „Es ist alles nur geliehen„, in Anspielung an diesen Schlager. Das Projekt hat uns spontan gefallen, und wir konnten die Cover sammeln und dazu noch in ein paar anderen Abmischungen neu veröffentlichen. Aber natürlich war das keine neue Lyrics-Scheibe, sondern eher ein Sampler über uns selbst.

1998

Dieses Jahr war das bis dato ruhigste für die Gruppe. Auch 1998 nahmen wir keine CD auf, probten selten und spielten bis Oktober nur 4 Konzerte (Scherfede, Duisburg, Regensburg und Göttingen). Das lag zum einen daran, dass man ja auch mit irgendetwas sein Geld verdienen muss, d.h. Beruf und Studium traten bei Matze und mir stärker in den Vordergrund, während Basti mit Kasseler Musikern in Rock`n`Roll-Bands spielte, seine eigene Elvis-Nummer verstärkt betrieb und eher die 50er Jahre feierte. Eine Musikgruppe kann nur sehr selten jemanden ernähren. Andere Herausforderungen meldeten sich zu Wort, und das war auch gar nicht schlecht so. Eine Tour machten wir dann trotzdem, 10 Tage lang vor allem größere Städte (Düsseldorf, Aachen, Hamburg, Berlin, Göttingen z.B.), was erneut Texas Rose-Holger organisiert hatte und was auch wieder gut lief. In Hermsdorf lohnte es sich damals beispielsweise allein schon immer wegen des Schierker Feuersteins zu spielen, und natürlich wegen Mike. Einige neue Lieder entstanden aber trotz oder gerade wegen des ruhigeren Jahres, und daher bereiteten wir uns im Winter schon mal auf die Aufnahmen zur nächsten Veröffentlichung vor.

1999

Das Jahr begann also gleich mit dem größten Jahresprojekt, der neuen CD. Es war eigentlich Michy Winters Idee, die Sache „Seniorenresidenz“ zu nennen, das nahmen wir erstmal als Arbeitstitel und dann bald als den endgültigen Titel der CD, weil wir ihn eingängig und ganz witzig fanden, und weil sich da gut ein kleines Konzept draus bauen ließ (unsere Musik als Heilmittel für der Demenz und sonstigen Gebrechen verfallenen Senioren, die den Sabbernapf mit dem Ghettoblaster tauschen, ihre Gehhilfen wegwerfen undsoweiter), was wir ja auch noch nie hatten. Das ganze lief im Januar/ Februar ab und wurde zu der unserer Ansicht nach soundmäßig besten CD, noch besser als der Vorgänger. Wir hatten natürlich alle drei unsere unterschiedlichen eigenen Lieblingsplatten unserer Band. Matze wurde somit auch der erste Bassist, der mehr als eine CD mit LoLy aufgenommen hat, alle anderen hatten schon nach einer das Handtuch geworfen. Nach zwei Vinyl-Versuchen mußten wir aber sehen, daß die Tage dieses Mediums vorerst gezählt waren, und so kam die Veröffentlichung erstmals auf Hulk nur auf CD. Beflügelt starteten wir eine „Tour“ bestehend aus einzelnen Auftritten, die dann aber zum Teil ausfallen mußten, und das was blieb war für alle Beteiligten nicht wirklich befriedigend. Es blieben nur ca.6 Gigs übrig; die lustigsten waren ohne Zweifel die mit Quid aus Braunschweig (Emo-Core). Darauf folgte die Sommerpause und ein Open Air im heimatlichen Nothfelden, von dem viele dachten, dies sei als Abschiedskonzert gedacht, obwohl wir das nie gesagt hatten. Wir machten eine Pause und waren zum diesjährigen Weihnachtsfestival im Kulturbahnhof Welda, zwei Jahre nach dem ersten Auftritt dort, wieder zur Stelle. Basti hatte sich bei einem Motorradunfall das Bein gebrochen, also saß er mit hochgelegtem Gipsbein als Patient hinter der Schießbude, während Matze und ich als Ärzte verkleidet die Soundmedizin verteilten – war ein netter Abend.

2000

Wir machten ein halbes Jahr Pause und begannen, im Sommer wieder gemeinsam zu proben. Nach diversen Proberäumen in Kassel, die okay aber nicht ganz billig waren, waren wir nun wieder in Nothfelden bei Wolfhagen. Dort probten wir auf einem Bauernhof, und der Raum war der geräumigste, den wir je hatten. Nachdem wir uns wieder eingespielt hatten, machten wir auch wieder Konzerte: Stade, Kirchberg, Wolfhagen und Kassel, d.h. es ging erstmal darum, wieder zusammen zu spielen und das hier in der Gegend wieder anlaufen zu lassen. Mit dem Festival im Herbst in Kassel hatten wir über 200 Auftritte beisammen. Das Rock gegen Regen – Festival im April in Scherfede 2001 (u.a. mit Rantamplan) bestärkte uns wieder, daß live spielen einfach das größte ist, jedenfalls sofern die Bedingungen stimmen – und es war ein toller Abend, der allen Spaß gemacht hat.

Ein Jahrzehnt war also vergangen, die ganzen 90er Jahre mit Ups and Downs und dem ganzen Programm. Es hatte sich viel in der Musiklandschaft und ihrer „Vermarktung“ verändert; alle reagierten auf ihre Weise darauf. Viele der Bands, die wir kennengelernt hatten, gab es schon nicht mehr. Natürlich aus den unterschiedlichsten Gründen; einer dürfte aber auch der gewesen sein, daß Livemusik dieser Art ein kühlerer Wind ins Gesicht blies. Denn der „Boom“ von punkrockbeeinflußter Musik war vorbei, viele Läden und Clubs gab es nicht mehr, oder das Risiko wurde ihnen zu groß. Die Bedingungen zu spielen waren nicht besser geworden, und wenn die Gruppe das Risiko tragen muß, kann man sich Draufleger nur kurze Zeit leisten. Gitarrenmusik musste in der Zeit von Techno, DJ`s, synthetischer Mainstreamkultur und HipHop eigene Nischen suchen und finden, dabei aber zugleich nicht nur die alten Freunde dieser Musik erreichen, die es ohnehin mögen, sondern auch neue Leute dazugewinnen, und das war nicht leicht, denn um sie zu erreichen, brauchte man Videos und Schnickschnack, während der traditionelle „Plattenladen“ so langsam ausgedient hatet. Die neuen Technologien wie Internet wurden so wichtig wie noch nie, und alles unterlag einem rasanten Umbruch. Das war also schon damals so – und ist es das nicht immer? Jedenfalls war es ein unglaublich wildes und ereignisreiches Jahrzehnt für uns, in der die Band zu dem wurde, was sie heute noch ist. Vieles von dem, was damals passierte, erscheint aus heutiger Sicht unglaublich. In manchen Punkten waren diese Jahre die „goldenen 1990er“, aber man muss auch nichts glorifizieren, über Gebühr feiern oder irgendetwas nachtrauern. Es war vor allem eins: Eine intensive und kreative Zeit, in der wir jung waren, die wir ebenso intensiv gelebt haben, mit allen Fehlern und Unzulänglichkeiten. Das kann nicht jeder von sich behaupten.

Und es ging ja noch weiter, bis sich die aktuelle Bandbesetzung ergeben hatte: 2002 kam die „Vor allem“; 2004 hatten wir dann das erste Konzert im Ausland seit den vorigen 10 Jahren. Im Luxemburg rockten wir in einer Kneipe, ohne Bühne, mit Gesangsanlage und einer Menge Spaß. Auf der Rückfahrt versorgte Matze seine Familie mit Zigaretten, stangenweise, alle Freiräume des Autos wurden genutzt. Matzes Abschiedsgig wurde dann Fürth im April, denn er zog als Doktor der Biologie ganz nach unten, an die Schweizer Grenze, um jeden Morgen nach Zürich zum Arbeiten zu pendeln. Das hatte er fairerweise aber früh genug gesagt, so dass wir Zeit hatten, einen neuen Bassisten zu suchen. Lars, eigentlich Gitarrist (und Sammler dieser Instrumente) von den Bradleys hatte Zeit und Lust, also bekam er einen Stoß Zettel mit immer denselben Noten, und es wurde geprobt. Sein erster Gig in Rotenburg sollte aber auch sein letzter mit uns bleiben, ein paar Tage nach den Bandfotos (so schlecht waren sie aber wirklich nicht…) musste er wieder gehen: Rückenprobleme und ein Umzug nach Berlin. Zum Glück betätigte er sich als Vermittler, und Katharina „Kati“ Neuner, ihres Zeichens Bassistin der Bradleys, wurde im Eilverfahren, mit denselben Zetteln, eingespielt und hatte in Holzminden in heimeliger Atmosphäre schon Ende November Livepremiere mit uns. Kati kannte sich mit Punkrock aus und kann gute und schlechte Scherze vertragen. Ende des Jahres hatten wir endlich wieder ein stabiles Team. 2005 hieß es dann: „Neue“ Band braucht eine neue Platte. Deswegen wurden weniger Konzerte gespielt als vielleicht möglich gewesen wären, dafür für das Studio geübt. Mit dem Gig in Görlitz in Ballacks Wohnzimmer war aber auch hier ein denkwürdiger Abend („Kati, Kati“) dabei. Und im Sommer dann die Arbeiten zur neuen Scheibe, „Ansage“, die dann im Herbst kam. Die Releaseparty in Kassel in der Barracuda Bar war wirklich grandios, es waren fast 200 Leute da, scheinbar das bestbesuchteste Konzert in dem Laden 2005, klasse Atmosphäre. Gute Reviews sowie eine gute Presse wie seit 10 Jahren nicht mehr vermittelten eine unglaublich positive Aufbruchstimmung – viele hatten ja geglaubt, die Lost Lyrics gäbe es gar nicht mehr (das war auch nicht verwunderlich). Das „Punk im Pott“-Festival in Essen nach Weihnachten 2005, wo wir uns vor großem Publikum austesten konnten, war ein gelungener Abschluss dieses denkwürdigen Jahres. Dem weitere ebensolche folgten. Seit 15 Jahren sind wir nun in der aktuellen Besetzung unterwegs, und nach wie vor können wir sagen: „Alle Wetterlagen haben wir mitbekommen“. Und wir hoffen, noch ganz lange so weitermachen zu können!!

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